Fußgängerzone auf Probe? Ideen, Ängste und die Frage, wie es in Stockach weitergeht

Gute Erreichbarkeit mit dem Auto und viel Aufenthaltsqualität – das sind zwei der Wünsche der Stockacher Einwohner für die Oberstadt. Sie gehören zu den Ergebnissen der preisgekrönten Bürgerbeteilung im Honold-Haus, bei der Bürger jeden Alters sechs Monate lang auf verschiedene Arten zeigen konnten, wie sie sich die Zukunft der Stadt vorstellen.

STEG Stadtentwicklung hat den Prozess begleitet, ausgewertet und die Ergebnisse nun im Gemeinderat präsentiert. Dabei stach direkt positiv heraus, wie viele Kinder und Jugendliche teilgenommen haben – sehr viel mehr als in änderen Städten, erklärte Stadtplanerin Wiebke Semrau. Diese Altergruppe zu erreichen und zum Mitmachen zu bewegen, sei ein sehr großer Erfolg.

Tilmann Sperle und Wiebke Semrau von STEG Stadtentwicklung präsentierten im Gemeinderat die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung im Honold-Haus. Bild: Ramona Löffler

Überhaupt habe es eine riesige Resonanz gegeben, schilderten Wiebke Semrau und ihr Kollegen Tilmann Sperle: 900 Personen bei Veranstaltungen, 516 schriftliche Rückmeldungen, 157 auswertbare Modell-Beiträge, Handskizzen und weitere Einreichungen. Einige hätten die Kamera am Oberstadt-Modell im Honold-Haus allerdings auch für Selfie-Aufnahmen benutzt.

Bäume, Gastronomie und Sauberkeit

Die Auswertungen zeigen viele Übereinstimmungen dazu, wo sich die Menschen mehr Grün in der Hauptstraße und am Gustav-Hammer-Platz sowie mehr Aufenthaltsqualität wünschen, dass Gastronomie fehlt oder auch, dass an der Sauberkeit in der Oberstadt gearbeitet werden müsse. Bei manchen Wünschen zum Einzelhandel und zu fehlenden Angeboten schwinge auch etwas Nostalgie über frühere Dinge mit, so die Planer. Auch eine Verbesserung des Parkhauses sei gewünscht.

Aber – und darauf wiesen Räte hin – die Wünsche gehen auch ein bisschen in gegensätzliche Richtungen was den Verkehr betrifft. Eine mögliche Fußgängerzone in der Hauptstraße war zwar in vielen Beiträgen enthalten, aber auch der Wunsch nach guter Erreichbarkeit der Geschäfte. Würde es reichen, wenn diese nun von hinten durch die Pfarrstraße und Kaufhausstraße anfahrbar wären? Und wenn man im Parkhaus parkt?

Sorgen und Fragen stehen im Raum

Die Präsentation schuf Klarheit und Sorgen zugleich. Wünsche wie die Aufentshaltsqualität, die bereits bekannt waren, sind jetzt durch Zahlen und sogar Fotos mit dem Oberstadt-Modell belegt, aber auch Sorgen, die schon lange schwelen kochen langsam hoch. Die Aussicht auf eine mögliche Fußgängerzone kommt bei den Geschäftsinhabern nicht so gut an, wie Gespräche im Vorfeld der Sitzung zeigten. Es gibt Befürchtungen, dass dann noch weniger Kunden kommen – die Frequenz sinkt immerhin schon länger.

Diese Idee lag Mitte Januar auf dem Oberstadt-Modell im Honold-Haus. Bild: Ramona Löffler

Was nun? Natürlich enthielten die Ergebnisse Lösungsansätze für die Belebung der Oberstadt. Die Menschen möchten mehr Gastronomie, mehr Angebote. Die Jugend hätte gerne ein Kino in der Stadt – dieses Wort stand oft an den Wänden im Honold-Haus.

In der Sitzung gab es zunächst nur die Präsentation, aber noch keine Entscheidung. Die Räte sollen erst in einem Monat über weitere Maßnahmen entscheiden. Aber: Die lange und teils etwas hitzige Diskussion mit kritischen Fragen zeigte, dass dies vielleicht nicht so einfach wird.

Lob und Unzufriedenheit im Gremium

CDU-Rat Christoph Stetter bewertete zwar die hohe Anzahl der Teilnehmer positiv, da dies das Interesse an der Stadtentwicklung zeige, doch stellte als Erster die Frage, on welche Richtung es nun gehen solle, da die Ergebnisse in so viele Richtungen gehen. Wiebke Semrau erklärte, so eine Breite sei bei einer Konsulation normal – Konsultation sei die unterste Stufe der Bürgerbeteiligung.

Sie wählte den Vergleich mit einem Blumenstrauß: „Sie haben nun die Chance auf dem Blumenstrauß kleine Sträußchen zu holen.“ Mit anderen Worten: Die Stadt könne nun aus diesem Ganzen kleine Themenpakete machen und angehen.

Ihr Kollege Tilmann Sperle griff dies auf und nahm das Thema Wasser als Beispiel, da unter den Rückmeldungen Wünsche sind, mehr mit Wasser in der Innenstadt zu machen. Dies könne man zum Beispiel in einen Spielplatz einbauen und einfach mal ausprobieren, so Sperle.

Als Wiebke Semrau erwähnte, die Stadt können nun auf Planer zugehen, die mit den Ergebnissen der Bürgerbeteiligung ein Thema weiterentwickeln könnten, stach sie in ein kleines Wespennest. Martin Bosch (CDU) wies sofort darauf hin, dass dies wieder Geld kosten würde und gar nicht klar sei, wie ein Auftrag lauten könnte. Zudem merkte er an, dass Maßnahmen wie die Wärmeplanung und der Bau eines Wärmezentrums anstehen. Sperle räumte ein: „Erst wenn der Tiefbau geordnet ist, kann man über das sprechen, was oberirdisch ist.“

Verkehr und Fußgängerzone sind großes Thema

Dies veranlasste Bosch zu weiterer Kritik: „Wir sprechen von etwas, das in fünf bis sechs Jahren kommen soll. Wir ziehen die Kuh vom falschen Ende auf.“ Auch Wolf-Dieter Karle (Freie Wähler) hatte trotz der Freude über die hohe Beteiligung im Honold-Haus Bedenken. Es gebe einige große Fragezeichen, sagte er und zählte neben dem Thema Verkehr unter anderem die Leerstände von Geschäften in der Hauptstraße auf.

„Wir hatten vor 25 Jahren schon mal das Thema, wie man den Verkehr reduziert. Dann haben wir uns für die jetzige Einbahnlösung entschieden. Inzwischen gibt es ein erhöhtes Verkehrsaufkommen und die Leute, die in der Oberstadt wohnen, müssen ihr Zuhause erreichen“, fasste Karle zusammen.

Er fand, man müsse die Betroffenen ins Boot holen, wenn es um das Spannungsfeld zwischen Erreichbarkeit und Aufenthaltsqualität mit möglicher Fußgängerzone gehe. Zudem müsse gutbürgerliche Gastronomie angesiedelt werden, da es fast keine mehr gebe und ein Wechsel beim Alt-Stocken anstehe. „Wir müssen Angebote schaffen, die die Leute anziehen“, sagte er und wies dabei auf auf attraktive Geschäfte hin.

Jürgen Kragler (CDU) betonte: „Wir kennen jetzt das Meinungsbild der Bürger. Ich halte nichts davon, ein weiteres Planungsbüro zu beauftragen. Jetzt ist es an uns, wegweisende Entscheidungen zu treffen, was wir wollen.“ Er regte an, dass der Gemeinderat sich Zeit nimmt, um Themenblöcke zu setzten.

Das Nötige zum Weitermachen ist da

In eine ähnliche Richtung gingen die Worte von Claudia Weber-Bastong (SPD). Sie wolle nicht von vorne anfangen: „Wir haben eigentlich alles dastehen, was wir wollen. Zudem betonte sie in Bezug auf die hohe Beteiligung von Jugendlichen: „Die Kinder von heute sind die Erwachsenen von Morgen.“

Grünen-Rätin Alice Engelhardt (Grüne) sah es ähnlich. Der vorhandene Einzelhandel müsse stabilisiert werden. Sie fände es gut, wenn wieder eine Buchhandlung angesiedelt werden könnte und es brauche mehr Gastronomie. Sie zählte auf, wie viele Frequenzbringer die Oberstadt tatsächlich schon hat: Musikschule, Kulturzentrum, VHS und Umweltzentrum. Sie betonte den Wunsch der Einwohner nach Möglichkeiten, sich zu treffen und begegnen.

Und sie erinnerte die Anwesenden an die Ideen von Hochschulstudenten für die Oberstadt, die bei einer Veranstaltung vorgestellt worden waren und sehr visionär gewesen seien. „Wenn wir die Aufenthaltsqualität stärken, stärkt das auch alles andere“, sagte sie.

Zwei Jungen gehen mit der Oberstadt auf Tuchfühlung und machen eifrig mit. Bild: Ramona Löffler

Obwohl sich Roland Fiedler (Freie Wähler) Jürgen Kragler anschloss, hatte er auch Pessismismus im Gepäck. Er verwies auf die Innenstädte von Pfullendorf und Engen, in denen alles schön gemacht worden sei und es auch viele Leerstände gebe: „Wir werden den Zerfall nicht aufhalten.“ Man könne mit den Gewerbetreibenden ins Gespräch gehen und der Gemeinderat sollte nun nach der Bürgerbeteiligung über Maßnahmen entscheiden und kein weiteres Geld ausgeben.

Tesphase für Fußgängerzone?

Bürgermeisterin Susen Katter griff schließlich die Idee einer Testphase für eine Fußgängerzone in der Hauptstraße aus der Sitzungsvorlage auf und warb dafür. Sogar schon 1979 habe es solche Gedanken gegeben und später nochmals, bemerkte sie. „Nichts ist in Stein gemeiselt“, betonte sie und erwähnte das Förderprogramm des Landes, mit dem Stockach eine temporäre Möblierung für eine Fußgängerzone kostenlos erhalten könnte. „Dann können wir schauen, ob es Käse ist, oder sich gut anfühlt.“ Laut Sitzungsvorlage wäre von März bis Juni 2027 die erstmögliche Verfügbarkeit dieser Möbel.

Mit einem Hinweis auf Änderungen, die es schon beim Wochenmarkt gibt, und der zurückliegenden IHK-Innenstadtberatung endete die Diskussion. In der Juni-Sitzung wird der Rat voraussichtlich über einen konkreten Kurs entscheiden.

Gleichzeitig gibt es bei einigen Bewohnern und Geschäftsinhabern den Wunsch nach einer öffentlichen Präsentation der Ergebnisse der Bürgerbeteiligung. Auf Nachfrage von „Tiefgang“ zeigte sich Susen Katter für so eine Veranstaltung grundsätzlich offen, nur die Terminfindung könne schwierig sein.

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert