Der Reichenauer Bürgermeister Philipp Stolz erzählt im Interview mit „Tiefgang“, wie für ihn die ersten 100 Tage als neuer Rathaus-Chef waren. Dabei geht es um wichtige Themen, schmerzhafte Entscheidungen, Dinge, die Beruf und Privatleben berühren, die Gesundheit und vieles mehr. Da wir schon immer beim Du waren, gibt es bei den Fragen kein künstliches Sie.
Philipp, wie fühlt es sich an, wieder am Bodensee zu wohnen?
Philipp Stolz: Ich freu mich einfach total, wieder zuhause zu sein. Man ist wieder daheim und ich merke schon jetzt, trotz vieler Termine und wenig Freizeit, dass ich wieder näher an meiner Familie dran bin. Ich bin also total happy.
Waren Deine ersten 100 Tage als Bürgermeister so, wie Du es dir vorgestellt hast?
Philipp Stolz: Ja und nein. Ja: Mir war klar, dass jetzt einfach Leistung und Einsatz gefragt ist und ich freue mich jeden Tag darüber, was ich als meine Aufgabe wahrnehmen kann. Nein, weil ich manchmal schon noch überrascht werde: Mein erster Inselfeiertag, der einfach wahnsinnig viel Spaß gemacht hat, wie sehr sich manch einer freut, wenn er mich sieht und mal mit mir ins Gespräch kommen kann. Das war mir so nicht ganz bewusst und ist eine schöne Überraschung.

Du konntest ja gerade erst in eine dauerhafte Wohnung einziehen. Hast Du damit gerechnet, dass die Wohnungssuche so lange dauert?
Philipp Stolz: Also dass eine Wohnungssuche im Bodenseeraum, noch dazu wenn man eine klare Vorstellung hat, in welcher Kommune es sein soll, nicht leicht wird, war mir klar. Und dass es jetzt über ein halbes Jahr ging, hätte nicht sein müssen – da ging es ja leider auch etwas hin und her. Aber was soll ich mich da beschweren? Ich habe ein Heim gefunden, in dem ich mich sehr wohl fühle und bin – wie mir gestern mitgeteilt wurde – rechtzeitig für das nächste Straßenfest eingezogen.
Siehst Du aufgrund deiner Erlebnisse bei der Suche jetzt Dinge beim Thema Wohnen anders als vor einem halben Jahr?
Philipp Stolz: Nein. Wohnraum ist hier selten, teuer und es funktioniert eher über Bekannte als Online-Plattformen oder den freien Markt. Mich persönlich überrascht das überhaupt nicht.
Welche Entscheidung fiel Dir in der ersten Zeit als Rathaus-Chef schwerer als erwartet, obwohl sie von außen vielleicht banal wirkt?
Philipp Stolz: Die Schließung des Skater-Parks im Februar. Das hat mich persönlich genervt. Es gibt meiner Ansicht nach generell in unserer Gesellschaft das Problem, dass nur wenig Räumlichkeiten für Jugendliche zur Verfügung stehen. Dass ich nun direkt zu Beginn einen davon für voraussichtlich ein Jahr schließen musste, tat mir wirklich weh. Aber leider ist die Anlage so wie sie momentan da steht nicht sicher und ich wäre persönlich in der Haftung. Da war ich sehr enttäuscht, dass unser Staat hier keine Möglichkeit hat, mit einer Beschilderung oder ähnliches dafür zu sorgen, dass so eine Anlage auf komplett eigene Gefahr nutzbar bleibt und wir im wahrsten Sinne das Wortes den Riegel vorschieben mussten.
Musstest Du schon Ziele ändern oder nach hinten verschieben?
Philipp Stolz: Ja klar. Leben ist das, was passiert, während du Pläne machst. Beispielsweise bei Lindenbühl West wollte ich den städtebaulichen Entwurf noch vor den Sommerferien verabschieden, damit wir noch in diesem Jahr zum Bebauungsplan kommen. Das wird nicht reichen. Wir mussten klären, dass wir auch die beiden Zufahrten für die Erschließung bekommen. Mit nur einer hätte der Siegerentwurf aus dem städtebaulichen Wettbewerb nicht mehr funktioniert. Wir haben jetzt eine Lösung gefunden, aber haben dadurch sicherlich 2 bis 3 Monate verloren. Ansonsten merke ich, dass ich nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen kann und nehme mir vor, die einzelnen Projekte zu priorisieren und mich dann noch stärker auf diese zu fokussieren und die anderen zu delegieren oder dann schlichtweg warten lassen zu müssen. Da bin ich im Austausch mit unserem Gemeinderat, damit die Räte wissen, wo gerade mein Fokus liegt.
Wenn Du mit den Erfahrungen dieser ersten Monate nochmal neu starten könntest – würdest Du etwas anders machen? Und wenn ja – was?
Philipp Stolz: Ich würde mich eine Woche früher um einen Operationsplatz für meinen Krebs kümmern, von dem ich dann eben früher etwas wüsste. Durch die OP bin ich krebsfrei. Ansonsten – das klingt jetzt wahrscheinlich überheblich – bereue ich im Großen und Ganzen nichts.

Wie ist das eigentlich beim Einkaufen – wie oft wird ein Supermarkt-Besuch unfreiwillig zur Bürgersprechstunde?
Philipp Stolz: Ich komme aktuell kaum zum Einkaufen. Ich glaube ich war jetzt insgesamt 5 bis 6 Mal im Nahkauf. Ansonsten werde ich natürlich schon beim Mittagessen oder Abendessen angesprochen. Da gibt es Tage, wo man sich drüber freut, und offen gestanden Tage wo man kurz 10 Minuten den Kopf freikriegen will – aber hey, das ist Teil des Jobs und war bisher immer völlig nachvollziehbar und in Ordnung für mich. Wenn es das nicht wäre, müsste ich dann eben auch kommunizieren, dass ich gerade nicht längere Debatten führen kann, aber da sind wir noch lange nicht.
Gibt es ein Thema, bei dem du unterschätzt hast, wie emotional es für die Einwohner ist?
Philipp Stolz: Ich glaube, das unterschätze ich seit meiner ersten Sekunde in der Kommunalverwaltung, sei es in Salach, Schorndorf oder Reichenau. Parken. Ich habe noch NIE eine Stadt kennengelernt in der die Menschen sagen: „Weißt du was toll bei uns läuft? Das Parken! Das ist hier super und findet jeder toll so wie es ist!“ Aber in dem Kontext habe ich schon wirklich sehr persönlich und offen gestanden beleidigende Mails und Nachrichten erhalten, die mich hier und da schon etwas schockiert haben. Das ist einfach nicht der Ton, mit dem ich in einen Austausch gehen möchte.
Welche drei Dinge haben für Dich in den kommenden Monaten die höchste Priorität?
Philipp Stolz: Die Nachbesetzung unserer Hauptamtsleiterstelle, die Verabschiedung des städtebaulichen Entwurfs von Lindenbühl West und die Finalisierung der Standort-Frage der KiTa auf der Insel.
Gibt es Ratschläge Deines Vaters, der 30 Jahre lang Bürgermeister von Stockach war, die Du heute erst verstehst?
Philipp Stolz: Die Ratschläge meines Vaters, die ich heute verstehe und vor 10 oder 20 Jahren nicht, sind weniger kommunalpolitische bzw. verwaltungstechnische Ratschläge, sondern eher aus dem bunten Bereich des Lebens. Dass Gesundheit nicht selbstverständlich ist, dass manche Freundschaften sich über Lebensphasen anders entwickeln, Ordnung spart Zeit und so weiter.

Eine Zwillingsfrage muss natürlich auch noch sein: Verwechselt man Dich und Deinen Bruder Christoph, der Bürgermeister von Bodman-Ludwigshafen ist, inzwischen weniger, weil man euch in euren Orten jetzt jeweils gut kennt? Wie war es, als ihr zusammen bei der Eröffnung der Marienschlucht unterwegs wart?
Philipp Stolz: Ja ich glaube schon, dass die Reichenauerinnen und Reichenauer und die Menschen aus Bodman-Ludwigshafen sich da immer mehr reinfinden. Und je nach Bartwuchs und Frisur wird es ja auch leichter oder schwerer für alle. Aber eine gewisse Verwechslungsgefahr wird immer bestehen bleiben. Es ist jetzt auf jeden Fall mehr Menschen bewusst, dass es zwei gibt. Früher war ich in Bodman-Ludwigshafen automatisch Chris, jetzt kommt eher die Frage: „Sind Sie unserer?“
Bist Du mit der Balance zwischen privat und Beruf zufrieden?
Philipp Stolz: Was heißt zufrieden? Klar, würde ich mich freuen, mehr Freizeit zu haben, aber ich hab halt hier einen Job zu erledigen. Man hat mir eine verdammt wichtige Aufgabe gegeben und da muss ich liefern. Ich glaube, für die Balance bin ich selbstverantwortlich. Ich kann definitiv mein Zeitmanagement noch verbessern und muss mir die Räume einfach nehmen, die ich brauche, um diese Aufgabe acht Jahre – und hoffentlich noch länger – machen zu können. Da hilft eben auch Freizeit. Ich bin der festen Überzeugung, dass niemand 8 Jahre lang komplett ohne private Zeit bzw. private Räume effektiv arbeiten kann. Und ich bin mir sicher: Ich kann es nicht. Wie viel Räume und Zeit ich dafür brauche, muss ich mir selbst einteilen und gleichzeitig muss mir bewusst sein, dass ich aktiv einen Beruf gewählt habe, der eben Einsatz und Fleiß für eine Sache erfordert, die größer ist als man selbst. Und damit bin ich komplett zufrieden.

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