Mit einer so überwältigenden Besucherzahl hatten Historiker Thomas Warndorf und die Vertreter der Stadt nicht gerechnet: Die Reihen im Bürgerhaus Adler Post waren voll und einige Zuschauer standen auch an Stehtischen, um zu hören und sehen, was Warndorf über die Entstehung seines neuen Buchs „Kellergänge – Auf der Suche nach dm alten Stockach“ erzählt. Sie wollten seine Geschichten hören und unter den Ersten sein, die das Buch kaufen können.
Wenn man auf das seit Jahren und Jahrzehnten ungebrochene, ja sogar steigende Interesse, an den Führungen durch Stockachs Jahrhunderte alte Keller blickt, ist es eigentlich kein Wunder, dass so viele Interessierte zur Buchpräsentation kamen. Und die fand sogar an einem Freitagmittag bei schönsten Sonnenschein statt.

Diese Konstellation hob Museums- und Stadtarchivleiter Julian Windmöller auch direkt in seiner Begrüßung hervor: „Es ist etwas Besonderes, wie viele bei sonnigem Wetter über Keller reden wollen statt Eis zu essen.“ Er freute sich sehr über das große Interesse an dem neuen historischen Buch.
Zweite Abschlussführung kommt
Die vergangenen Monate seien eine sehr spannende und intensive Zeit gewesen. Die Entstehung des Buchs begleiten zu dürfen, habe ihm viel Spaß gemacht und neues Wissen gebracht, sagte Windmöller. Er hob auch die Beliebtheit der Kellerführungen und die Warteliste mit rund 80 Personen hervor.
Da an diesem Abend die Abschlussführung von Thomas Warndorf anstand und der nächste Termin mit ihm selbst erst im Herbst wäre, überbrachte Windmöller direkt eine gute Nachricht: Am 17. April wird eine zweite Abschlussführung mit Thomas Warndorf sein. Der Vorkaufkauf beginnt am 3. April um 10 Uhr und die Hälfte des Kontingents geht an Personen der Warteliste. Die Begeisterung darüber zeigte sich im Applaus der Zuschauer.



Wie großartig die Kellerführungen sind, konnte Bürgermeisterin Susen Katter in ihrem Grußwort aus eigener Erfahrung bestätigen. Sie erzählte, wie es für sie war, dabei zu sein und wie unglaublich interessant sie es gefunden habe. Keller sein im Allgemeinen oft Rumpelkammern oder Lagerräume. „Aber hier sind sie Zeitzeugen, die erzählen. Sie sind unheimlich vielfältig und erzählen die Geschichte von Stockach.“
Damit meinte sie, dass die Keller der Oberstadt alles sind, das vom Stockach vor 1704 übriggeblieben sind. Damals war die Stadt nur das, was heute die Oberstadt ist, und wurde in Brand gesteckt – nur die Keller blieben übrig und die Häuser wurden auf ihnen wieder aufgebaut. Wie das alles abgelaufen ist, erzählte Warndorf in den vergangenen 20 Jahren immer bei seinen Führungen und das steht natürlich im neuen Buch.
Faszinierende Unterwelt
Susen Katter zeigte sich vom Buch beeindruckt: „Darin steckt unheimlich viel Arbeit – ich ziehe meinen Hut.“ Sie hob auch hervor, wie viele Unterstützer es in der Stadtverwaltung, dem Umfeld und durch die Volksbank Überlingen-Stockach als Sponsor gegeben habe. „Lassen Sie sich von Stockachs Unterwelt faszinieren“, sagte sie abschließend.

Die Stadt Stockach und der Hegau-Geschichtsverein sind gemeinsam Herausgeber des Buchs. Der Vorsitzende Friedemann Scheck nutzt an diesem Tag ebenfalls die Gelegenheit, ein paar Worte zu sagen. „Die Geschichte von Stockach ist auch die Geschichte des Hegaus“, erklärte er und verwies auf das Geleitwort im Buch, in dem dargestellt werde, dass Stockach vor Jahrhunderten soetwas wie die Hauptstadt des Hegaus gewesen sei.
Er lobte das Buch und sagte, wie wichtig solche Werke seien. Zudem hob er die Beteiligung des Nellenburger Kreises hervor, der mit seiner baugeschichtlichen Expertise dazu beigetragen habe. Scheck hatte auch viel Anerkennung für die gute Zusammenarbeit mit der Stadt Stockach, die er sehr schätze.
„Ich bin platt“
Als Thomas Warndorf schließlich selbst ans Mikrofon trat, um den gespannten Gästen sein Buch vorzustellen, musste er erst mal tief durchatmen. „Ich bin platt. Danke, dass Sie alle gekommen sind“, sagte er überwältigt. Er dankte auch allen, die ihn unterstützt hatten und ohne die das Buch nicht möglich gewesen wäre.

Er gab Einblicke in die Entstehungsgeschichte der Stadt- und Kellerführungen, in der Zeit um 2002, als er Leiter des Sachgebiets Kultur in Stockach gewesen und das Kulturzentrum eröffnet worden war. Auch die legendäre Geschichte der ersten Kellerführung mit rund 100 Personen und einer etwas erschrockenen Kellerbesitzerin war dabei.
Das Buch stelle einen aktuellen Wissensstand dar, aber es gebe viele offene Fragen und viel Potenzial für Stadtarchäologie und Forschungen. Warndorfs Vergleich, dass die Stockacher Keller wohl die Geheimnisse der ägyptischen Pyramiden übertreffen, brachte alle zum Schmunzeln.

Sein Buch zeichne nach, wie Stockach vor 1704 war, welche wechselvolle Geschichte es habe, was beim Stadtbrand passiert ist, wie wieder aufgebaut wurde und schließlich gibt es die Geschichten von 17 Kellern. Teils Keller, in denen schon Führungen waren, aber auch teils Gemäuer, die noch nicht zu sehen waren.
Von Fotograf Ilja Mess gibt es viele stimmungsvolle Bilder, die Warndorf und Windmöller sehr lobten. Dazu finden sich im Buch historisch Stadtansichten, Karten und das übersetzte Memoriale, das eine Bestandsaufnahme nach dem Stadtbrand von 1704 ist.
Erzählungen und kleine Live-Lesungen
Warndorf verwob die Vorstellung der Kapitel mit Lesungen von Passagen aus dem Buch. Dazu präsentierte er auf der Beamer-Leinwand ein paar der Motive, die das wenige zeigen, was man von Stockach vor 300 bis 400 Jahren weiß. Er nahm die Zuschauer in die Zeit des Stadtbrands mit und als es zwei Stadttore gab: Man musste an der Kirchhalde in die Stadt rein und am oberen Tor beim heutigen Papier Fritz wieder raus.

50.000 Soldaten zogen so stundenlang durch die Stadt, die später von einem erzürnten Adligen in Brand gesteckt wurde – morgens marschierten die Truppen, abends lag alles in Asche. Neben so lebhaften Schilderungen hatte Warndorf auch noch Fotos von Keller parat, an denen er Verschiedenes aus der Geschichte erklären konnte. Und er machte auf die eine oder andere Stelle aufmerksam, die noch Rätsel aufgibt.

Nach dem offiziellen Teil bildeten sich Menschentrauben um die beiden Büchertische im Saal. Am Tisch des Stadtarchivs gingen innerhalb weniger Minuten mehr als 40 „Kellergänge“-Bücher über den Tisch, dazu noch weitere von den historischen Werken rund um die Stadtgeschichte. Der zweite Tisch war vom Hegau-Geschichtsverein, der an diesem Mittag mindestens drei neue Mitglieder gewann und das eine oder andere Buch aus seinen geschichtlichen Reihen verkaufte.
Viele begannen direkt in ihren Neuerwerbungen zu schmökern oder kamen mit anderen ins Gespräch. Zudem herrschte Vorfreude auf die bevorstehende Führung, da einige der Besucher Karten für die anschließende Abschlussführung hatten, in der es einen Keller in der Salmannsweilerstraße zu sehen gab, der erstmals dabei war.
Das Buch „Kellergänge – Auf der Suche nach dem alten Stockach“ gibt es für 20 Euro im Kulturzentrum Altes Forstamt.

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