Darauf haben viele gewartet: Geheimnisse der Stockacher Keller erscheinen als Buch

80 Personen stehen aktuell auf der Warteliste – so beliebt sind die Kellerführungen mit Historiker Thomas Warndorf in Stockach. Er macht am Freitag, 20. März, zum letzten Mal selbst eine solche Führung, ehe Museumsleiter Julian Windmöller übernimmt. Diese Führung sei innerhalb einer Minute ausgebucht gewesen, erzählt Windmöller. Also sogar noch schneller als die Karten für die diesjährige Verhandlung des Narrengerichts Stockach.

Die Geheimnisse der Stockacher Keller können die Teilnehmer der Führungen drei Mal im Jahr hören und selbst erkunden, wenn Anwohner extra zur Führung die Türen in die Keller öffnen, die Jahrhunderte alt und die einzigen Überbleibsel nach dem Stadtbrand von 1704 sind. Die oft gewölbeartigen Gebilde sind Zeitzeugen der fernen Vergangenheit und des Wandels. An ihnen könne man viel ablesen, erzählt Thomas Warndorf bei jeder seiner Führungen.

Die Kellerwände erzählen Stockacher Geschichte(n)

Ich selbst war über die Jahre bei mehreren Führungen dabei und bin immer wieder fasziniert. Das Tolle ist, dass Warndorf immer wieder mal den Zugang zu anderen Kellern gewinnen konnte. Im Fall des Narrengericht-Weinkellers gibt es seit dem vergangenen Jahr nach einer archäologischen Untersuchung sogar neue Erkenntnisse zu seiner Geschichte.

Thomas Warndorf zeigt auf eine Stelle im Keller des Honold-Hauses, an der mit Überresten vom Stadtbrand 1704 Stellen aufgefüllt worden. Bilder: Ramona Löffler

Dass all dies perfekter Stoff für ein Buch ist, war eigentlich schon lange klar. Und genau das erscheint nun: Vor Warndorfs ausgebuchter Abschlussführung am 20. März, in der wieder ein neuer Keller dabei sein wird, findet um 15 Uhr die Buchpräsentation im Bürgerhaus Adler Post statt. Das handliche Werk, dessen Herausgeber die Stadt Stockach ist, erscheint in der Reihe Hegau-Bibliothek und ist vollgepackt mit allem, was die Herzen von Hobby-Historikern und allen, die sich für die Ortsgeschichte interessieren, höher schlagen lässt. Warndorf hat sein gesamtes Wissen über die Entwicklung der Stadt Stockach um den Stadtbrand von 1704 herum und welche Bedeutung den Kellern zukommen, niedergeschrieben.

Stadtbrand, Krieg und 17 Keller-Geschichten

Das Buch hat vier Kapitel. Die ersten drei drehen sich um Stockach vor dem Stadtbrand 1704, um die Zerstörungen im Schweizer Krieg, um den Stadtbrand und wie der Aufbau auf den erhaltenen Kellern vonstatten gegangen ist. „Stockach ist unter dem Straßenniveau älter als darüber“, sagt Warndorf. Die Rolle der Keller als Luftschutzkeller im Zweiten Weltkrieg greife das Buch ebenfalls auf.

Kapitel 4 erzählt mit stimmungsvollen Bildern des Fotografen Ilja Mess die Geschichten von 17 Kellern. Das sind sogar viel mehr, als man je in die Führungen hätte packen können. Ein paar von ihnen waren bisher nie öffentlich zu sehen, werden es vielleicht auch nie sein – aber in diesem Buch werden sie zugänglich und ihre Geschichte lebendig. Ein Plan aus dem Stadtarchiv zeigt zudem wie die Grundstücke der Stadt damals eingeteilt waren und wer ihre Besitzer waren.

Warndorf gesamtes Wissen steckt im Buch

Obwohl so viel Wissen in diesem Werk steckt, hatte seine Fertigstellung für Warndorf eine kuriose Erkenntnis: „Jetzt gibt es sogar mehr offene Fragen als vorher. Das ist eine Aufforderung, da weiterzumachen.“ Er fasst es so zusammen: „Was ich über die Stadtgeschichte und die Keller weiß, steckt in diesem Buch – aber auch alles, was ich nicht weiß.“

Eine Baustelle in der Hauptstraße zeigt Einblicke in die Vergangenheit. Vermutlich sieht man, wo das Gebäude nach dem Stadtbrand auf den Keller wieder aufgebaut wurde. Bild: Ramona Löffler

Windmöller ergänzt, mit diesem Buch gebe es erstmals, dass man zu den Kellern etwas zum nachlesen und reinschauen habe, aber da schlummere noch viel. Warndorf weist zudem auf die Straßen der Oberstadt hin, der Niveau mit jeder Sanierung etwas gestiegen sei.

Jahrhunderte alte Steine kommen an dieser Baustelle zum Vorschein. Bild: Ramona Löffler

Bei Baustellen lohne es sich, genau hinzuschauen, was man aus vergangenen Zeiten entdecken könne. Bei einer Straßenbaustelle zwischen Papier Fritz und Metzgerei Knoll seien so vor einigen Jahren alte Holzdeicheln entdeckt worden, die Aufschluss über den Wasserzulauf der früheren Brunnen gegeben habe.

Kellerführungen von Anfang an riesiger Erfolg

Warndorf erinnert sich an die Entstehung und Anfänge der Kellerführungen zurück. Damals habe niemand mit so einem riesigen Erfolg gerechnet, sagt er. Der damals leere Keller im alten Forstamt habe die erste Idee geschürt. „An dem Keller kann man 400 Jahre Stadtgeschichte ablesen“, erklärt er. Schließlich sei der Termin für die erste Führung entstanden – noch ohne Anmeldung, da nicht viele Teilnehmer erwartet worden seien.

Dann kam es ganz anders: „Plötzlich standen 100 Leute vor dem Alten Forstamt“, erinnert sich Warndorf. Die Anekdote der ersten Führung erzählt er bei jeder Veranstaltung und sie ist auch sehr eindrücklich: Mit so vielen Leuten im Gepäck sei er vor einer Haustür in der Pfarrstraße zum ersten Keller der Führung gestanden.

Der große Raum im Keller des Narrengerichts. Das Foto entstand bei einer Kellerführung im Herbst 2025. Bild: Ramona Löffler

Er habe ohnehin einen Blumenstrauß für die Bewohnerin dabei gehabt und diesen schnell durch den Türspalt gestreckt, als die Dame vorsichtig geöffnet habe. Nach etwas Verhandlungen durfte er die unerwartet zahlreichen Interessierten in Gruppen durch den Keller führen. „Ich dachte, ein Teil der Wartenden würde gehen, weil es ihnen zu lange dauert. Aber alle sind geblieben“, sagt er.

Julian Windmöller nickt und ergänzt, die Führungen, für die inzwischen eine Anmeldung notwendig ist, seien jedes Mal im Lauf des ersten Anmeldetages ausgebucht. Der Vorverkauf beginne immer erst vier Wochen vor dem Termin. Aber er hat einen Tipp: Am Tag des offenen Denkmals im September gebe es auch kostenlose Kellerführungen.

Julian Windmöller übernimmt die Führungen

Die hohe Nachfrage spreche für Warndorf und die Kellerführungen, so Windmöller. Zm Museumsleiter als Nachfolger bei den Führungen sagt Warndorf: „Ich weiß, dass das bei Julian in den allerbesten Händen ist. Mich freut das ungebrochene Interesse an der Stadtgeschichte sehr.“ Anmeldungen würden sogar von weiter her kommen, was zeige, dass die Stadt etwas habe, das anziehe.

Der Eingang zum Keller des Narrengerichts liegt in der Salmannsweiler-Straße. Das Foto entstand bei einer Kellerführung im Herbst 2025. Bild: Ramona Löffler

Der Historiker erzählt von den positiven Rückmeldungen der Teilnehmer. „Die Leute sagen, sie gehen mit ganz anderen Augen durch die Stadt“, so Warndorf. Er sei sehr dankbar, dass viele Hauseigentümer mitmachen und Führungen durch ihre Keller ermöglichen. Das sei ein tolles bürgerschaftliches Engagement und der Besitzer erfahre so auch selbst noch etwas über den eigenen Keller.

Buchpräsentation am 20. März

Die beiden Männer bedauern, dass es keine Stadtarchäologie gibt. Warndorf findet es aber deshalb toll, dass es den Nellenburger Kreis mit ehrenamtlich aktiven Historikern wie Rudolf Martin gebe. Martin sei mit seinem Fachblick durch Keller gelaufen und habe so manches gesehen. Im Keller des Narrengerichts sei ihm eine besondere Stelle aufgefallen, um die es auch im Buch gehe.

„In manchen Kellern sieht man, dass die Mauern unter den sichtbaren Boden gehen“, sagt Warndorf als ein Beispiel für die Rätsel, die sich erst beim Schreiben des Buches so richtig herauskristallisiert hätten.

Das Buch „Kellergänge“ gibt es am Freitag, 20. März, bei der Buchvorstellung um 15 Uhr im Bürgerhaus Adler Post zu kaufen. Ab dann ist es regulär im Kulturzentrum Altes Forstamt erhältlich. Das Werk hat 180 Seiten und das Titelblatt zeigt den Keller des Narrengerichts.

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