Viel mehr als Wahlkampf: Ernst und Witz beim Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in Stockach

Wann kommt schon mal der Bundeskanzler nach Stockach? Natürlich wenn Wahlkampf ist. Friedrich Merz war nun zwei Mal hier – 2004 als Stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender im Bundestag und nun als Bundeskanzler auf der Wahlkampfbühne. Sein Publikum war jeweils ähnlich groß und obwohl es keine Auflockerung zum Einstieg gebraucht hätte, da Besucher sogar auf die Stühle stiegen, um Fotos bei seiner Ankunft zu machen, eröffnete er seine Rede mit einem Blick ins Jahr 2004.

Genauergesagt: In die Zeit als er Beklagter vor dem Stockacher Narrengericht war. Auf einer hochgesicherten Bühne ging es so zwei Tage vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg ganz unpolitisch los, obwohl seine Vorredner schon kräftig auf die Politik eingestimmt hatten.

Zu Beginn sprach Landtagskandidat Christoph Stetter aus Stockach, dann folgte der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel. Sie machten das Publikum für Friedrich Merz warm und griffen direkt wahlrelevante Themen auf.

Manuel Hagel soricht viele Themen in Bezug auf die anstehende Landtagswahl an.

Der Justizirrtum im Jahr 2004 amüsiert

Merz hatte mit dem Narrengericht den perfekten Aufhänger und das kam beim Publikum gut an. Auf dem Weg hierher habe seine Stimmung etwas geschwankt: „Ich habe mich darauf gefreut, sie zu sehen, aber ich habe mich auch daran erinnert als ich das letzte Mal hier war.“ Er sagte: „Damals hatten wir hier keinen Wahlkampf aber Stockach war Ort eines schweren Justizirrtums.“

Er habe „traumatische Erinnerungen“, bemerkte er ganz trocken. Anklage und Urteil vor dem Narrengericht seien falsch gewesen. Obendrein sei der saarländische Ministerpräsident Peter Müller im Jahr darauf freigesprochen, was nicht hätte passieren dürfen. Anders sei es dieses Jahr bei Markus Söder gewesen – dieser habe die Weinstrafe wirklich verdient, sogar „ruhig noch ein Fass mehr“.

Im Publikum sitzen rund 800 Personen – von jung bis alt.

Auf die Lacher und den Applaus, die er dafür erntete, folgten ernste Noten. Schließlich war er nicht hier, um zu plaudern, sondern um mit den Kandidaten Wahlkampf zu machen. Dementsprechend ging es natürlich um die CDU selbst, aber auch – und das ist wichtig – darum, Wählen zu gehen.

Trotz aller Spitzen gegen die Grünen und Kritik an anderen Parteien sowie diversen Bemerkungen was über die Jahre in Baden-Württemberg besser gemacht werden hätte müssen, ordnete er die hohe Bedeutung dieser Landtagswahl ein.

Die Bedeutung dieser Landtagswahl

Diese Wahl sei nicht nur für Deutschland, sondern ganz Europa in ihren Auswirkungen wichtig, „denn der stärkste Landesteil der Bundesrepublik Deutschland wählt am Sonntag“. Dieser Landesteil, also Baden-Württemberg, sei gleichzeitig eine zentrale Region in Europa. Merz blickte zudem ins restliche Jahr voraus, in dem vier weitere Landtagswahlen anstehen. Die Wahl in Baden-Württemberg sei daher auch ein Stimmungstest.

Merz nutzte die Gelegenheit, über verschiedene Themen auf die Stellen hinzuweisen, an denen Deutschland viel zu tun habe, und um auf seine politische Linie hinzuweisen. „Ich werde im deutschen Bundestag keine anderen Mehrheiten suchen, als die, die wir heute haben. Keine anderen!“ betonte Merz.

„Und vor allem mit der AfD kommt eine Zusammenarbeit für mich nicht in Frage.“ Er wolle nicht mit einer Partei zusammengehen, die aus der europäischen Union rauswolle, dem Euro und allem, was Deutschland stark gemacht habe. Er gebe das Erbe von Conrad Adenauer und Helmut Kohl nicht auf.

Dies brachte ihm wohl den meisten Applaus sein. Egal aus welchem Grund jemand da war – hier sahen es alle gleich. Allgemein zeigten die Reaktionen des Publikums dass die meisten CDU-Wähler sind. Ganz vorne saßen auch in einem abgetrennten Bereich Ehrengäste und CDU-Mitglieder.

Während die Mehrzahl applaudierte und laute Zustimmung für alle Worte der drei Redner signalisierte, blieben die einen oder anderen Hände unbewegt. Das zeigte: Manche wollten sich einfach ein Bild davon machen, was ein Bundeskanzler in Stockach sagen will.

Kleine Demo vor der Halle

Draußen sah es etwas anders aus. Schon vor der Veranstaltung standen einige Meter von den Warteschlangen entfernt Erwachsene und Kinder mit Protestplakaten. Sie interessierte nicht, welche Botschaften der Bundeskanzler mitbrachte – sie sprachen lieber selbst mit ihren Plakaten und in kurzen Sprüchen: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!“

Auch ein einzelner Mann, der etwas abseits stand, hielt ein Plakat mit der Aufschrift „Hau ab Friedrich Merz“ hoch. Die Polizei und Carsten Tilsner, Leiter des Ordnungsamts, waren in der Nähe und beobachteten die Situation. Alles blieb ruhig.

Auf Nachfrage sagte Tilsner zu der rund 50 Personen umfassenden Gruppe, dass es sich um eine angemeldete Demonstration handle. Die Einzelperson sei nicht angemeldet gewesen, aber er gelte alleine auch nicht als Versammlung.

Große Themen in Rekordzeit

Innen blieb es bis auf den Applaus ruhig – keine Demonstrationen oder Einrufe. Alle Redner konnten ihre Botschaften ungestört rüberbringen. Das lief sogar in Rekordzeit ab: Um 16 Uhr hätte es losgehen sollen, 16.14 Uhr lief der Kanzler schließlich mit den Kandidaten ein und 17.15 Uhr verließ er die Jahnhalle schon wieder. Sein Anschlusstermin in Ravensburg stand an.

Für diese Stunde geballter Reden war der Aufwand groß und der Alltag ging anschließend für die meisten rasch wieder weiter. Die meisten strömten direkt nach dem Ende hinaus, ein Teil blieb und unterhielt sich noch in kleinen Grüppchen über das Gehörte, wie der Kanzler wirkte, wie sie Manuel Hagel finden, ob sie schon gewählt haben oder ganz andere Dinge. Die einen oder anderen begegneten sich kurz darauf beim Einkaufen in einem der Stockacher Discounter.

Und nochmal Narrengericht

Tatsächlich lief der hohe Besuch in der Stadt recht unscheinbar ab. Hier und da waren ein paar Streifenwagen mehr unterwegs und um die Jahnhalle herum war einfach viel zugeparkt und ebenfalls Polizeipräsenz. Aber sonst ein ganz normaler Freitagnachmittag als Start ins Wochenende. An Fasnacht sieht und spürt man da viel mehr, wenn der beklagte Politiker in der Stadt ist.

Das eingangs erwähnte Narrengericht war am Ende nochmal dabei. Christoph Stetter überreichte Friedrich Merz einen Geschenkkorb und bemerkte dazu, dieses Mal müsse er nichts bringen, sondern dürfe etwas mitnehmen.

Und wenn man es ganz genau nimmt: Auch wenn die Häser fehlten, stand Merz auch bei seinem zweiten Stockach-Besuch mit einem Fürsprech auf einer Bühne in der Jahnhalle. Ein Großteil der Gerichtsnarren saß in den Zuschauerreihen. Das Narrengericht spannte so in gewisser Weise einen Bogen um die Veranstaltung und gab ihr eine echte Stockacher Note.

Apropos Note: Die Veranstaltung endete damit, dass alle gemeinsam die deutsche Nationalhymne sangen. Das Ende des Nachmittags war so eine Einstimmung auf die Landtagswahl am Sonntag, 8. März, und ein musikalischer Appell, das Wahlrecht zu nutzen.

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