So stellen sich Bürger die Stockacher Innenstadt künftig vor

Am liebsten würden alle direkt loslegen: Bürgermeisterin Susen Katter war die Aufbruchsstimmung beim Workshop-Abend zur Innenstadtentwicklung im Honold-Haus deutlich anzumerken. Den Teilnehmern auch. Der große Raum im Obergeschoss war voll und die Stühle reichten nicht mal aus.

Susen Katter freute sich über den großen Zulauf. Sie sagte: „Wir leben in Zeiten des Wandels und die Ansprüche an das Leben haben sich geändert. Ich sehe das positiv: Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten.“

Viele wollten Ideen zur Transformation der Oberstadt einbringen und schnell etwas machen. Und vielleicht ist das nicht mal so unrealistisch: Susen Katter sprach sich dafür aus, Dinge auch einfach mal zu testen und zu schauen, wie es klappt und angenommen wird. So hatte der Abend nach viel Arbeit und vielen Wünschen eine positive Perspektive, dass zeitnah ein Test starten könnte. Da die Stadtgärtnerei über große, mobile Pflanzgefäße verfügt, könnten so kleine Bäume für mehr Schatten in die Oberstadt gebracht werden, stand als leicht realisierbarer Test im Raum. Oder einfach mehr Sitzgelegenheiten aufstellen. Ob und wann das passiert, blieb offen.

Geschichtliches und Ideen aus anderen Städten

Der Abend war auf jeden Fall ein großer Erfolg. Er rollte eher langsam an, da Jonas Killat von STEG Stadtentwicklung zunächst einen großen Exkurs zur Geschichte der Stadtentwicklungen mit Beispielen aus großen Städten machte. Zwar interessant, aber eigentlich etwas zu lang, da die Anwesenden darauf brannten, ins Tun zu kommen. Interessant waren dabei Um- und Neunutzungen von denen er erzählte, zum Beispiel ein Kreativ-Studio gegenüber den Räumen von STEG, in dem man mit Perlen oder anderen Dingen kreativ sein kann – und das ausgebuchte Kurse hat.

Er wies zudem auf einen wichtigen Aspekt hin: Im Sanierungsgebiet Oberstadt gibt es 60 Prozent Förderung für Straßen, Plätze und die Modernisierung von Gebäuden.

Was gut ist und was besser werden muss

Seine Kollegin Wiebke Semrau leitete zum aktiven Teil des Abends über und hob dabei hervor, wie viele wertvolle Anregungen schon im Honold-Haus zusammengekommen sind.

In den Räumen im ersten Stock verteilten sich schließlich Teilnehmer in sieben Gruppen zu ebenso vielen Themen. Sie orientierten sich an Leitfragen und trugen zusammen, was in diesen Bereichen notwendig wäre, um die Stadt attraktiver zu machen und Aufenthaltsqualität zu verbessern. Die Anwesenden wechselten drei Mal den Raum und das Thema, um so zu verschiedenen Bereichen beizutragen. Einer blieb immer am Tisch und notierte auf einem großen Blatt die Ergebnisse, die er oder sie dann am Ende allen vorstellte.

Wohnen

Für die Zukunft des Wohnens in der Oberstadt braucht es Sanierungen, da viel Wohnraum in schlechtem Zustand ist, lautet ein Ergebnis. Zudem wünschen sich die Teilnehmer eine gut gemischte Struktur der Altersklassen der Bewohner und eine gesunde Mischung aus Bewohnern verschiedener Nationalitäten. Wichtig sei, dass die Erdgeschosse, die jetzt Läden sind, dies auch bleiben und nicht zu Wohnraum werden. Wenn Wohnungen keine Balkone haben, brauche es schöne Außenräume, um sich dort aufhalten zu können. Das Potenzial sei da – man müsse es nur nutzen.

Gut sei, dass der Verkehr relativ beruhigt durch die Einbahnstraße fließe. Eine Idee war, dass der Verkehr nur durch die Kaufhaus- und Pfarrstraße fließen könnte. Von dort aus könnten durch die Durchgänge die Läden in der Hauptstraße beliefert werden, wenn diese eine Fußgängerzone wäre. Eine weitere Idee: Den Bach, der aus Richtung Zoznegger Straße kommt, wieder freilegen.

Kirche und Kultur

Pfarrer Thomas Huber sammelte in dieser Gruppe die Ergebnisse. Die Kirchen umspannen die Innenstadt und es sei wichtig, dass beide weiterhin ein Teil der Innenstadt seien. Positiv sei, dass die Kirchen bereits für Konzerte genutzt werden, die Frequenz in die Oberstadt bringen. Die Kirchen würden durch Gottesdienste und anderes die Innenstadt mitbeleben.

Ein Wunsch der Teilnehmer war, das Parkhaus am Samstag oder sogar komplett kostenlos zu machen – Ähnliches kam auch bei anderen Gruppen auf. Das war auch nicht der einzige Aspekt, der mehrfach auftauchte, was zeigte, wie sehr manche Dinge die Einwohner beschäftigen. In einer anderen Gruppe kam zum Parkhaus der Wunsch auf, dass man von oben aus der Pfarrstraße reinfahren können sollte.

Als noch spontan aufkam, dass man Gottesdienste unter der Woche anbieten könnte, damit die Besucher dies mit Einkaufen verbinden könnten, zeigte sich der Pfarrer offen. Am Mittwoch um 9 Uhr gebe es bereits einen Gottesdienst, aber mehr wäre machbar.

Gastronomie

Die vorhandenen Restaurants sind gut – aber zu wenig. Darin waren sich die Teilnehmer einig. Die Ideen waren vielfältig: den Rahmen ändern, um mehr anzusiedeln, mehr Außenbereiche zum Sitzen, Mittagstische und vor allem: Erlebnisse bieten. Als halbes Rätsel stand im Raum, wie gut zum Beispiel der Löwe in Raithaslach oder andere Gaststätten in den Orten um Stockach herum laufen, während das in Stockach bis auf Ausnahmen nicht so sei.

Die Frage sei, wie die Zielgruppen für Gastronomie in Stockach aussehen – wenn das klar sei, könnte man sie befragen, was sie sich wünschen.

Tourismus

Ferienwohnungen laufen gut, doch im Bereich der Hotels und Gastronomie sind die Familienbetriebe verschwunden, so die aktuelle Situation. Konzepte mit Kombinationsangeboten, wie dem Café und den Konzerten im Mahlwerk oder dem Mittagstisch in der Metzgerei Knoll seien sehr gut und erfolgreich. Öffnungszeiten müssten bei den Geschäften attraktiv gestaltet werden und für Veranstaltungen sollte es mobile Möbel geben.

Susen Katter ergänzte hier, wie gespalten die Situation aussehe: „Stockach gehört zu den Städten mit zu wenig Wohnraum und Ferienwohnungen werden kritisch gesehen, aber die Freude ist da, dass Touristen zu uns kommen.“ Kulturamtsleiterin Corinna Bruggaier sagte zudem, die Hauptzahl der Übernachtungen in Stockach sei auf den Campingplätzen.

Handel

Melanie Krähmer von der Oberen Apotheke trug die Ergebnisse beim Thema Handel vor. Interessant sei, dass erwähnt worden sei, dass der Handel da sei und nicht zurückgehe – er diene als Anziehungspunkt. „Der bestehende Handel muss geschützt, gefördert und erhalten werden“, sagte sie. Wichtig sei, dass Parkmöglichkeiten für Belieferungen des Einzelhandels vorhanden seien. Die Praxen brauchen Parkflächen für Patienten, die nicht gut laufen können.

Zur Konkurrenz durch Online-Handel war die spannende Erkenntnis: Wenn es weniger Läden gäbe, wären die Leute mehr auf das Internet angewiesen.

Insgesamt kamen viele Ideen zusammen: Multifunktionale Läden wie das Mahlwerk oder das Wundervoll, eine Markthalle, in der viele kleine Läden angesiedelt sind und nochmal den Versuch starten, einen Lebensmittelhändler in der Oberstadt anzusiedeln. Zudem kam auch hier der Wunsch nach einer Ausweitung von Sitzgelegenheiten für mehr Aufenthaltsqualität. Die Geschäfte sollten auch nach außen hin präsenter werden.

Gesundheit

Die Situation sei hier noch gut, da viele Praxen und das Krankenhaus da seien. Ein Problem sei nur, das Alter der Ärzte und was ist, wenn sie in Rente gehen. Die Klinikstrukturreform schwebe auch noch und bringe Unsicherheit. Eine aktive Suche nach Ärzten sei wichtig. Dabei könnte die Stadt mit Raumangeboten unterstützen, war ein Vorschlag.

Das Stichwort Aufenthaltsmöglichkeiten bezog sich hier vor allem auf die Angehörigen, die warten, wenn Verwandte beim Arzt sind. Aktuell seien kurze Wege zu den Praxen da und weitgehend barrierefrei – das sei wichtig. Was es noch brauche: Hinweistafeln bzw. visuelle Darstellungen für die Praxen.

Öffentliche Einrichtungen

Hier sei ein gutes Angebot vorhanden und die Erweiterung der Bücherei und des Museums bereits geplant. Sie seien ein Stabilitätsanker und Frequenzbringer in der Oberstadt. Sehr positiv: Solche Einrichtungen fallen nicht altersbedingt weg.

Ein Vorschlag war hier, das Bürgeramt bzw. eine Außenstelle in die Oberstadt zu bringen, damit die Einwohner nicht hinaus zum Rathaus müssen. Ein weitere Wunsch: Öffnungszeiten des Museums auch mal abends für die, die sonst nicht können. Das könnte mehr Leute in die Stadt bringen.

Und die Ideen hörten nicht auf: In einer größeren öffentlichen Einrichtung könnten sich Ladenkonzepte ausprobieren, da teure Mieten oft ein Problem seien. Ein Haus der Vereine ist ein weitere Wunsch, ebenso mehr Leseplätze in der Bücherei. Und: Saubere öffentliche Toiletten sowie generell Sauberkeit in der Stadt.

Wie es nun weitergeht

Die Vertreter von STEG hoben hervor, dass Stockach mit so einer umfangreichen Bürgerbeteiligung etwas Besonderes mache, das nicht selbstverständlich sei. Die Dokumentation des Abends fließe ein. Bis zum 29. März könne sich noch jeder im Honold-Haus oder online beteiligen und seine Wünsche zur Innenstadtentwicklung äußern.

Die Bürgerbeteiligung werde dann wie ein Gutachten sei, das dem Gemeinderat vorgelegt werde. Susen Katter bat insgesamt um Geduld. „Mir brennt es auch unter den Nägeln, aber gut Ding will Weile haben“, sagte sie und kündigte an, dass die Ergebnisse auch öffentlich vorgestellt werden sollen. Gleichzeitig soll es möglich werden, zeitnah Dinge auszuprobieren.

Die Bürgerbeteiligung hat zwar ein End-Datum, aber das Honold-Haus bleibt auch nach März weiter offen. Es kann für Veranstaltungen und als Pop-Up-Space genutzt werden. Was später einmal aus dem Haus wird, ist noch offen.

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