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Den Stockachern stinkt es und sie haben Angst: Was steckt im blauen Dunst der Alu Stockach?

Wie gefährlich sind die Emissionen der Alu Stockach, die regelmäßig sichtbar über die Stadt ziehen? Das ist eine der Kernfragen, auf die sich viele Einwohner seit Jahren, ja sogar Jahrzehnten, eine Antwort wünschen. Bilder und Videos der Initiative „Saubere Luft für Stockach und Umgebung“ zeigen, dass weiße Wolken und blauer Dunst vom Gelände der Stockach Alu kommen. Und mit ihm oft ein beißender Geruch nach faulen Eiern, was auf Schwefelwasserstoff hinweist. Dann werden auch hohe Feinstaub-Werte gemessen.

So weit, so unklar: Denn trotz sichtbaren Hinweisen, dem Geruch und einem großen Netzwerk von 19 Feinstaub-Sensoren, die es inzwischen im Stadtgebiet, dem Hardt und Nenzingen gibt, fühlt sich die Initiative vom Regierungspräsidium Freiburg (RP) nicht gehört und sogar vollkommen ignoriert. Das RP ist die Aufsichtsbehörde, die für die Alu Stockach zuständig ist, doch laut Agnes Thümmel von der Initiative „Saubere Luft“ gebe es keinerlei Reaktion auf alle hingeschickten, Fragen, Beschwerden, Videos und Sensordaten. „Wir alle haben wiederholt Beschwerden weitergeleitet, aber das war ernüchternd“, sagte auch Tierärztin Michaela Messmer, die den Abend als Mitglied der Initiative moderierte.

Rund 80 Personen kamen zum Infoabend der Initiative „Saubere Luft“. Bild: Ramona Löffler

Die beiden Frauen und ihre Kollegen Werner Hammon, Hans-Peter Dreher, Architekt Jörg Fiedler, Andreas Leppert sowie Arzt Tobias Bösing, die fast alle am stark betroffenen Nellenburger Hang wohnen, sind über die konstruktive Zusammenarbeit mit der Stadt Stockach froh. Das betonten sie mehrfach bei einem Infoabend in den Räumen der Firma Dreher, zu dem rund 80 Einwohner kamen. Zwei Mal musste nachgestuhlt werden. Mit so vielen Leuten hatten sie nicht gerechnet und sie zeigten sich überwältigt.

Die Alu Stockach und Beweise für Emissionen

Der Hintergrund: Die Alu Stockach existiert seit 1921 und hatte vor allem in den vergangenen 20 Jahren mehrfache Besitzerwechsel. Am großen Kamin gibt es ein behördliches Messgerät, aber an dem Dach, von dem oft Dampf aufsteigt nicht. Die Firma schmelzt Alu-Abfälle aller Art ein, auch mit Lack-Rückständen. Bei diesem Prozess entstehen Chemikalien. Was genau aber in dem Dampf vom Hallendach steckt, ist seit Jahrzehnten unklar. Bekannt ist nur, dass intervallweise Gestank und Dunst über die Stadt zieht.

Die Initiative stellte sich zu Beginn vor. Bild: Ramona Löffler

Michaela Messmer übernahm die Moderation des Abends und stellte direkt die Notwendigkeit einer guten Luft- und Lebensqualität heraus. Sie und die anderen erklärten wiederholt, dass die Luft in Stockach eigentlich sehr gut sei – nur dann nicht, wenn die Emissionen von der Alu kämen. Bildmaterial und Aufzeichnungen würden deutlich den zeitlichen Zusammenhang zeigen.

Tobias Bösing zeichnete die Phänomene nach, die sich über der Stadt ausbreiten. Er und Agnes Thümmel zeigten mehrere Bilder und Videos, die beeindruckend und fast schon beängstigend zeigten, wie der Wind die Abgaswolken über die Stadt trägt, die dann unter dem Dunst liegt. Er beobachte in seiner Praxis, dass viele Patienten mit Symptomen kämen, die man aber mit einer höheren Feinstaubbelastung aus den Abgasen der Alu in Verbindung bringen könne.

Die Probleme kommen in Intervallen

„Die Emissionen kommen stoßweise, wenn der Wind aus Südwest kommt“, erklärte er und hatte dazu entsprechende Grafiken dabei. Daher könne es nicht am Verkehr liegen, der oft als mutmaßliche Erklärung angeführt werde. Zudem schilderte er, wie problematisch hohe Kurzzeitwerte seien, wenn man in dieser Zeit den Feinstaub in der Luft einatme.

Tobias Bösing und Agnes Thümmel hielten kurze Vorträge beim Infoabend. Bild: Ramona Löffler

Er bemängelte, dass sich die Alu und Behörden immer auf Wasserdampf berufen würden, stellte aber klar: „Wasserdampf bricht in der Luft nicht blau. Der blaue Dunst ist kein Wasserdampf, aber es ist unklar, was es ist.“ Er habe den Verdacht, dass beim RP niemand wisse, was da wirklich am Hallendach los sei. Er wünsche sich und rufe dazu auf, dass die Behörden prüfen, ob wirklich alles regelkonform gemäß der Zulassung bei der Alu ablaufe.

Wo und wie die Initiative misst

2018 habe er begonnen, mit einem Handgerät Emissionen zu messen. Über die Jahre fand er sich mit Nachbarn zusammen, die dann ebenfalls Messungen vorgenommen hätten. Das alles habe sich bis zum heutigen Sensornetzwerk mit Echtzeitdaten im Internet entwickelt. Agnes Thümmel stellte dieses Netzwerk später vor. Unter www.luftinfo-stockach.de kann jeder die Echtzeitdaten einsehen, samt Verlaufskarten, Höchstwerten sowie Wind- und Wetterdaten. Bösing verwies auf den 11. Februar 2026 als Tag mit besonders hohen Werten. Das könne man auf der Seite nachschauen.

Die Initiative wünscht sich, auch noch in Wahlwies und Espasingen Sensoren als Referenzpunkte installieren zu können. Der Espasinger Ortsvorsteher Andreas Bernhart, der unter den Zuhörern saß, signalisierte sofort, dass sich in Espasingen etwas einrichten lasse.

Ein Ausschnitt der Karte der Mess-Senoren der Initiative. Bei Grün wäre alles ok, bei Gelb sind Werte überschritten. An manchen Tagen ist auch Rot für Extremwerte zu sehen. Bild: Ramona Löffler

Tobias Bösing stellte klar, dass der Initiative Transparenz und der Kontext wichtig sei. Daher schilderte er alles genau zur Technik und eventuellen Fallstricken. Da Gesetz und Behörden sich auf Mittelwerte berufen, die alle eingehalten würden, zog er einen Vergleich zur Temperatur von Badewasser: Das sei als ob man für die Temperatur einen Mittelwert von 25 Grad angebe, es aber manchmal 18 Grad oder 100 Grad habe und in letzterem Fall gesagt werde, man solle sich nicht so haben, da ja das Mittel gut sei.

Veraltete Grenzwerte gelten noch

Seit 2008 gelte beim Feinstaub bei den kleinen Partikeln PM2,5 ein Mittelwert von 25 µg/m3 in Deutschland und der EU, obwohl die Weltgesundheitsorganisation bereits seit 2021 den Wert 5 µg/m3 vorschlage. Ab 2030 werde der Grenzwert auf EU-Ebene zwar auf 10 µg/m3 gesetzt, aber bereits jetzt liege Stockach über beiden Angaben, so Bösing. Agnes Thümmel sagte mit Blick auf die Zukunft, spätestens ab 2030 sei in Stockach die deutliche Überschreitung vorhanden und es müsse gehandelt werden.

Die Initiative zeigte sich von einem Dekra-Gutachten zur Alu Stockach maßlos enttäuscht. Die Stadt hatte es vor ein paar Jahren in Auftrag gegeben, aber die Messmonate Dezember 2023 bis Juni 2024 seien nicht im empfohlenen Zeitraum gewesen und die Initiative habe bis auf eine Grafik keine Ergebnisse erhalten. Außerdem seien nur Mittelwerte, aber keine Einzelwerte dargestellt worden.

Aber: Die Initiative habe die Grafik umgerechnet und so ihre eigenen Werte damit vergleichen können. So hätten sie gesehen, dass ihre Messen im Grundsatz richtig und sogar noch zu niedrig seien. Das mache die Situation umso bedenklicher.

Eine Grafik vom 11. Februar 2026, die mit Daten eines Sensors aus dem Sensorennetzwerk extreme Spitzen zeigt, die weit über den gesetzlichen Grenzwerten für den Tagesmittelwert liegen. Bild: Screenshot

Zudem weise das Gutachten nicht mal darauf hin, wie viel sich bei Untersuchungen seit 2008 verändert habe, als die Grenzwerte in Deutschland festgelegt worden seien. Über Feinstaub und seine Auswirkungen sei inzwischen viel mehr bekannt. Die Dekra habe einen Mittelwert von 11 festgestellt, die Initiative sei mit ihrer Angabe von 13 nicht weit davon entfernt gewesen.

Feinstaub könne viele gesundheitliche Probleme verursachen und sogar zu Schlaganfällen oder anderen Dingen führen, so Bösing. Er zeigte Tabellen mit Werten verschiedener Jahre. 2024 seien an 43 von 18 erlaubten Tagen die Höchstwerte überschritten worden. 2025 seien es sogar 57 Tage gewesen.

19 Sensoren in einem Messnetzwerk in Stockach

Agnes Thümmel berichtete zum Sensorennetzwerk der Initiative, wie man dadurch die Verbreitung der Schadstoffe sehen könne – bis Hindelwangen. So könne es auch sein, dass Leute, die am Bahnhof warten aktuelle Spitzen mitkriegen und einatmen. Das Besondere an dem Netzwerk sei, dass die Sensoren für 65 Euro relativ günstig seien und fast so gut wie teurere Geräte, mit denen das Dekra-Gutachten entstanden sei. Vergleiche der Werte hätten gezeigt, dass man auf die Werte aus dem Netzwerk sogar noch mehr draufrechnen könnte, da es sogar zu wenig messe – und das obwohl bedenklich hohe Werte zu Spitzenzeiten rauskommen.

Werner Hammon sagte in seinem Vortrag, dass Alu-Recycling an sich Sinn mache. Hier gehe es aber darum zu verstehen, warum so viel Feinstaub und vielleicht andere Dinge in die Luft gelangen. Er gab Einblicke in das komplizierte Feld der Chemikalien, die bei den Prozessen entstehen und inwiefern diese kontrollierbar sind oder nicht. Was man in Stockach rieche, seien Ammoniak und Schwefelwasserstoff. Ob und welche Chemikalien entstehen, liege an der Schrottqualität und Zusammensetzung, die eingeschmolzen werde. „Die Alu verwendet jeden Dreck und schmelzt ihn ein“, sagte er. Pro Tonne Alu werden zudem 300 bis 500 Kilogramm Salz eingesetzt. Die ausgewaschene Salzschlacke werde auf einen überdachten Lagerplatz gebracht.

Große Diskussion und schwere Sorgen

Viele Zuhörer stiegen in die lebhafte Debatte nach den drei Kurzvorträgen ein. Dabei machten sie auch regelrecht ihrem Ärger über diesen jahrzehntelangen Zustand Luft. Große Bedenken kamen zu möglichen Dioxinen und Furanen auf – die gefährlichsten Stoffe, die beim Alu-Recycling entstehen können. Mehrere Anwesende erzählten von einer Bürgerinitiative in den 1990ern, die dem auf den Grund gehen wollte. Die Frage ist immer noch aktuell: Sind solche Stoffe in den Emissionen dabei? Und: Was genau ist in den Emissionen?

Ein Blick auf die Alu Stockach vom Hardt aus. Bild: Ramona Löffler

Darauf kam es an diesem Abend immer und immer wieder zurück: Sorgen wie es weitergeht, Ängste um die Gesundheit und der große Wunsch nach Antworten auf diese brennenden Fragen. Und natürlich die Forderung nach besseren Kontrollen bei der Alu sowie dem Ende des blauen Dunstes und des Gestanks. „Uns wird erzählt, dass die Welt in Ordnung ist, aber das ist Unfug“, betonte Hammon. „Es wäre ein echtes Desaster, wenn Dioxine und Furane in die Luft kämen. Die Frage ist, ob alles im Betrieb richtig eingehalten wird und dem Stand der Technik entspricht.“

Hammon erklärte, in den Schmelzöfen herrschten bis zu 900 Grad Celsius. „Salze und Lacke sind bei über 800 Grad ein Nährboden für Dioxine und Furane.“ Bösing ergänzte, das Richtige wäre, mit einem Experten durch den Betrieb zu gehen, Prozessaufklärung zu machen und zu schauen, ob die Absaugkapazitäten reichen – Spekulationen würden da nicht helfen.

Kritik und Ideen von den Zuhörern

Michaela Messmer zog ein Fazit des Abends, in dem sie auf die Belastungen für die Gesundheit hinwies und dass diese zum Schutz der Bürger abgestellt werden müssten.“ Sie rief dazu auf, für die Zukunft der Stadt und der Kinder zusammenzuhalten. Die Initiative sei für jede Mitwirkung dankbar. Man könne per E-Mail Erfahrungen mitteilen und es gebe zum Beispiel auch eine Vorlage für Geruchsprotokolle.

Mehrere Anwesende erzählten die Bürgerinitiative Dioxin. Alice Engelhardt, die für die Grünen im Gemeinderat sitzt, erzählte, sie sei damals auch dabei gewesen und hob hervor, wie sehr sich bei der Stadtverwaltung inzwischen der Umgang mit dem Thema Alu Stockach zum Positiven verändert habe. Damit meinte sie zum Beispiel, dass die Stadt das Gutachten in Auftrag gegeben habe. Sie betonte „Die Stadt hat nur die Möglichkeit etwas zu tun, wenn etwas gesetzlich nicht eingehalten wird.“

Richtige Messungen am Alu-Dach nötig

Da nach Ideen gefragt wurde, was man noch tun könnte, regte Lehrer Jochen Schmid an, das Regenwasser zu untersuchen, nachdem blauer Dunst über der Stadt war. Ein anderer Anwesender wünschte sich, dass man jemand vom RP nach Stockach komme, um Rede und Antwort zu stehen – die Alu solle verpflichtet werden, an der richtigen Stelle zu messen.

Der Stockacher Frank Oswald fand den Badewasser-Vergleich von Bösing sehr gut und warf schließlich noch ein: „Solange sich das Unternehmen hinter Mittelwerten verstecken kann, kommen wir auf keinen grünen Zweig.“

Unter diesen Dächern liegt die Salzschlacke, die beim Alu-Recycling entsteht. Bild: Ramona Löffler

Und Künstlerin Cornelia Pfitzer-Lorenz erzählte von ihren Erfahrungen als Anwohnerin in der Alemannenstraße. Sie schlug regelmäßige Demonstrationen vor, in die auch die Stockacher Schüler eingebunden werden sollen. Zudem sollte man Produkte als Alu vermeiden. Ein anderer Zuhörer regte eine Unterschriftensammlung an.

Da Kritik an der Stadt aufkam, erklärte Bösing wie viel Unterstützung die Initiative erhält und dass man immer ein offenes Ohr für sie habe. Das war die positive Note des Abends, ebenso wie die Erkenntnis dass viele dieselben Erfahrungen machen und nicht alleine sind.

Die Initiative bittet nun darum, Leute im eigenen Umfeld auf das Problem aufmerksam zu machen, gerne der Initiative hilfreiche Kontakte zu vermitteln und Erfahrungen mitzuteilen. Sie möchten einen Newsletter einrichten, in dem Interessierte Infos zum aktuellen Stand erhalten.

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