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Den Stockachern stinkt es und sie haben Angst: Was steckt im blauen Dunst der Alu Stockach?

Wie gefährlich sind die Emissionen der Alu Stockach, die regelmäßig sichtbar über die Stadt ziehen? Das ist eine der Kernfragen, auf die sich viele Einwohner seit Jahren, ja sogar Jahrzehnten, eine Antwort wünschen. Bilder und Videos der Initiative „Saubere Luft für Stockach und Umgebung“ zeigen, dass weiße Wolken und blauer Dunst vom Gelände der Stockach Alu kommen. Und mit ihm oft ein beißender Geruch nach faulen Eiern, was auf Schwefelwasserstoff hinweist. Dann werden auch hohe Feinstaub-Werte gemessen.

So weit, so unklar: Denn trotz sichtbaren Hinweisen, dem Geruch und einem großen Netzwerk von 19 Feinstaub-Sensoren, die es inzwischen im Stadtgebiet, dem Hardt und Nenzingen gibt, fühlt sich die Initiative vom Regierungspräsidium Freiburg (RP) nicht gehört und sogar vollkommen ignoriert. Das RP ist die Aufsichtsbehörde, die für die Alu Stockach zuständig ist, doch laut Agnes Thümmel von der Initiative „Saubere Luft“ gebe es keinerlei Reaktion auf alle hingeschickten, Fragen, Beschwerden, Videos und Sensordaten. „Wir alle haben wiederholt Beschwerden weitergeleitet, aber das war ernüchternd“, sagte auch Tierärztin Michaela Messmer, die den Abend als Mitglied der Initiative moderierte.

Rund 80 Personen kamen zum Infoabend der Initiative „Saubere Luft“. Bild: Ramona Löffler

Die beiden Frauen und ihre Kollegen Werner Hammon, Hans-Peter Dreher, Architekt Jörg Fiedler, Andreas Leppert sowie Arzt Tobias Bösing, die fast alle am stark betroffenen Nellenburger Hang wohnen, sind über die konstruktive Zusammenarbeit mit der Stadt Stockach froh. Das betonten sie mehrfach bei einem Infoabend in den Räumen der Firma Dreher, zu dem rund 80 Einwohner kamen. Zwei Mal musste nachgestuhlt werden. Mit so vielen Leuten hatten sie nicht gerechnet und sie zeigten sich überwältigt.

Die Alu Stockach und Beweise für Emissionen

Der Hintergrund: Die Alu Stockach existiert seit 1921 und hatte vor allem in den vergangenen 20 Jahren mehrfache Besitzerwechsel. Am großen Kamin gibt es ein behördliches Messgerät, aber an dem Dach, von dem oft Dampf aufsteigt nicht. Die Firma schmelzt Alu-Abfälle aller Art ein, auch mit Lack-Rückständen. Bei diesem Prozess entstehen Chemikalien. Was genau aber in dem Dampf vom Hallendach steckt, ist seit Jahrzehnten unklar. Bekannt ist nur, dass intervallweise Gestank und Dunst über die Stadt zieht.

Die Initiative stellte sich zu Beginn vor. Bild: Ramona Löffler

Michaela Messmer übernahm die Moderation des Abends und stellte direkt die Notwendigkeit einer guten Luft- und Lebensqualität heraus. Sie und die anderen erklärten wiederholt, dass die Luft in Stockach eigentlich sehr gut sei – nur dann nicht, wenn die Emissionen von der Alu kämen. Bildmaterial und Aufzeichnungen würden deutlich den zeitlichen Zusammenhang zeigen.

Tobias Bösing zeichnete die Phänomene nach, die sich über der Stadt ausbreiten. Er und Agnes Thümmel zeigten mehrere Bilder und Videos, die beeindruckend und fast schon beängstigend zeigten, wie der Wind die Abgaswolken über die Stadt trägt, die dann unter dem Dunst liegt. Er beobachte in seiner Praxis, dass viele Patienten mit Symptomen kämen, die man aber mit einer höheren Feinstaubbelastung aus den Abgasen der Alu in Verbindung bringen könne.

Die Probleme kommen in Intervallen

„Die Emissionen kommen stoßweise, wenn der Wind aus Südwest kommt“, erklärte er und hatte dazu entsprechende Grafiken dabei. Daher könne es nicht am Verkehr liegen, der oft als mutmaßliche Erklärung angeführt werde. Zudem schilderte er, wie problematisch hohe Kurzzeitwerte seien, wenn man in dieser Zeit den Feinstaub in der Luft einatme.

Tobias Bösing und Agnes Thümmel hielten kurze Vorträge beim Infoabend. Bild: Ramona Löffler

Er bemängelte, dass sich die Alu und Behörden immer auf Wasserdampf berufen würden, stellte aber klar: „Wasserdampf bricht in der Luft nicht blau. Der blaue Dunst ist kein Wasserdampf, aber es ist unklar, was es ist.“ Er habe den Verdacht, dass beim RP niemand wisse, was da wirklich am Hallendach los sei. Er wünsche sich und rufe dazu auf, dass die Behörden prüfen, ob wirklich alles regelkonform gemäß der Zulassung bei der Alu ablaufe.

Wo und wie die Initiative misst

2018 habe er begonnen, mit einem Handgerät Emissionen zu messen. Über die Jahre fand er sich mit Nachbarn zusammen, die dann ebenfalls Messungen vorgenommen hätten. Das alles habe sich bis zum heutigen Sensornetzwerk mit Echtzeitdaten im Internet entwickelt. Agnes Thümmel stellte dieses Netzwerk später vor. Unter www.luftinfo-stockach.de kann jeder die Echtzeitdaten einsehen, samt Verlaufskarten, Höchstwerten sowie Wind- und Wetterdaten. Bösing verwies auf den 11. Februar 2026 als Tag mit besonders hohen Werten. Das könne man auf der Seite nachschauen.

Die Initiative wünscht sich, auch noch in Wahlwies und Espasingen Sensoren als Referenzpunkte installieren zu können. Der Espasinger Ortsvorsteher Andreas Bernhart, der unter den Zuhörern saß, signalisierte sofort, dass sich in Espasingen etwas einrichten lasse.

Ein Ausschnitt der Karte der Mess-Senoren der Initiative. Bei Grün wäre alles ok, bei Gelb sind Werte überschritten. An manchen Tagen ist auch Rot für Extremwerte zu sehen. Bild: Ramona Löffler

Tobias Bösing stellte klar, dass der Initiative Transparenz und der Kontext wichtig sei. Daher schilderte er alles genau zur Technik und eventuellen Fallstricken. Da Gesetz und Behörden sich auf Mittelwerte berufen, die alle eingehalten würden, zog er einen Vergleich zur Temperatur von Badewasser: Das sei als ob man für die Temperatur einen Mittelwert von 25 Grad angebe, es aber manchmal 18 Grad oder 100 Grad habe und in letzterem Fall gesagt werde, man solle sich nicht so haben, da ja das Mittel gut sei.

Veraltete Grenzwerte gelten noch

Seit 2008 gelte beim Feinstaub bei den kleinen Partikeln PM2,5 ein Mittelwert von 25 µg/m3 in Deutschland und der EU, obwohl die Weltgesundheitsorganisation bereits seit 2021 den Wert 5 µg/m3 vorschlage. Ab 2030 werde der Grenzwert auf EU-Ebene zwar auf 10 µg/m3 gesetzt, aber bereits jetzt liege Stockach über beiden Angaben, so Bösing. Agnes Thümmel sagte mit Blick auf die Zukunft, spätestens ab 2030 sei in Stockach die deutliche Überschreitung vorhanden und es müsse gehandelt werden.

Die Initiative zeigte sich von einem Dekra-Gutachten zur Alu Stockach maßlos enttäuscht. Die Stadt hatte es vor ein paar Jahren in Auftrag gegeben, aber die Messmonate Dezember 2023 bis Juni 2024 seien nicht im empfohlenen Zeitraum gewesen und die Initiative habe bis auf eine Grafik keine Ergebnisse erhalten. Außerdem seien nur Mittelwerte, aber keine Einzelwerte dargestellt worden.

Aber: Die Initiative habe die Grafik umgerechnet und so ihre eigenen Werte damit vergleichen können. So hätten sie gesehen, dass ihre Messen im Grundsatz richtig und sogar noch zu niedrig seien. Das mache die Situation umso bedenklicher.

Eine Grafik vom 11. Februar 2026, die mit Daten eines Sensors aus dem Sensorennetzwerk extreme Spitzen zeigt, die weit über den gesetzlichen Grenzwerten für den Tagesmittelwert liegen. Bild: Screenshot

Zudem weise das Gutachten nicht mal darauf hin, wie viel sich bei Untersuchungen seit 2008 verändert habe, als die Grenzwerte in Deutschland festgelegt worden seien. Über Feinstaub und seine Auswirkungen sei inzwischen viel mehr bekannt. Die Dekra habe einen Mittelwert von 11 festgestellt, die Initiative sei mit ihrer Angabe von 13 nicht weit davon entfernt gewesen.

Feinstaub könne viele gesundheitliche Probleme verursachen und sogar zu Schlaganfällen oder anderen Dingen führen, so Bösing. Er zeigte Tabellen mit Werten verschiedener Jahre. 2024 seien an 43 von 18 erlaubten Tagen die Höchstwerte überschritten worden. 2025 seien es sogar 57 Tage gewesen.

19 Sensoren in einem Messnetzwerk in Stockach

Agnes Thümmel berichtete zum Sensorennetzwerk der Initiative, wie man dadurch die Verbreitung der Schadstoffe sehen könne – bis Hindelwangen. So könne es auch sein, dass Leute, die am Bahnhof warten aktuelle Spitzen mitkriegen und einatmen. Das Besondere an dem Netzwerk sei, dass die Sensoren für 65 Euro relativ günstig seien und fast so gut wie teurere Geräte, mit denen das Dekra-Gutachten entstanden sei. Vergleiche der Werte hätten gezeigt, dass man auf die Werte aus dem Netzwerk sogar noch mehr draufrechnen könnte, da es sogar zu wenig messe – und das obwohl bedenklich hohe Werte zu Spitzenzeiten rauskommen.

Werner Hammon sagte in seinem Vortrag, dass Alu-Recycling an sich Sinn mache. Hier gehe es aber darum zu verstehen, warum so viel Feinstaub und vielleicht andere Dinge in die Luft gelangen. Er gab Einblicke in das komplizierte Feld der Chemikalien, die bei den Prozessen entstehen und inwiefern diese kontrollierbar sind oder nicht. Was man in Stockach rieche, seien Ammoniak und Schwefelwasserstoff. Ob und welche Chemikalien entstehen, liege an der Schrottqualität und Zusammensetzung, die eingeschmolzen werde. „Die Alu verwendet jeden Dreck und schmelzt ihn ein“, sagte er. Pro Tonne Alu werden zudem 300 bis 500 Kilogramm Salz eingesetzt. Die ausgewaschene Salzschlacke werde auf einen überdachten Lagerplatz gebracht.

Große Diskussion und schwere Sorgen

Viele Zuhörer stiegen in die lebhafte Debatte nach den drei Kurzvorträgen ein. Dabei machten sie auch regelrecht ihrem Ärger über diesen jahrzehntelangen Zustand Luft. Große Bedenken kamen zu möglichen Dioxinen und Furanen auf – die gefährlichsten Stoffe, die beim Alu-Recycling entstehen können. Mehrere Anwesende erzählten von einer Bürgerinitiative in den 1990ern, die dem auf den Grund gehen wollte. Die Frage ist immer noch aktuell: Sind solche Stoffe in den Emissionen dabei? Und: Was genau ist in den Emissionen?

Ein Blick auf die Alu Stockach vom Hardt aus. Bild: Ramona Löffler

Darauf kam es an diesem Abend immer und immer wieder zurück: Sorgen wie es weitergeht, Ängste um die Gesundheit und der große Wunsch nach Antworten auf diese brennenden Fragen. Und natürlich die Forderung nach besseren Kontrollen bei der Alu sowie dem Ende des blauen Dunstes und des Gestanks. „Uns wird erzählt, dass die Welt in Ordnung ist, aber das ist Unfug“, betonte Hammon. „Es wäre ein echtes Desaster, wenn Dioxine und Furane in die Luft kämen. Die Frage ist, ob alles im Betrieb richtig eingehalten wird und dem Stand der Technik entspricht.“

Hammon erklärte, in den Schmelzöfen herrschten bis zu 900 Grad Celsius. „Salze und Lacke sind bei über 800 Grad ein Nährboden für Dioxine und Furane.“ Bösing ergänzte, das Richtige wäre, mit einem Experten durch den Betrieb zu gehen, Prozessaufklärung zu machen und zu schauen, ob die Absaugkapazitäten reichen – Spekulationen würden da nicht helfen.

Kritik und Ideen von den Zuhörern

Michaela Messmer zog ein Fazit des Abends, in dem sie auf die Belastungen für die Gesundheit hinwies und dass diese zum Schutz der Bürger abgestellt werden müssten.“ Sie rief dazu auf, für die Zukunft der Stadt und der Kinder zusammenzuhalten. Die Initiative sei für jede Mitwirkung dankbar. Man könne per E-Mail Erfahrungen mitteilen und es gebe zum Beispiel auch eine Vorlage für Geruchsprotokolle.

Mehrere Anwesende erzählten die Bürgerinitiative Dioxin. Alice Engelhardt, die für die Grünen im Gemeinderat sitzt, erzählte, sie sei damals auch dabei gewesen und hob hervor, wie sehr sich bei der Stadtverwaltung inzwischen der Umgang mit dem Thema Alu Stockach zum Positiven verändert habe. Damit meinte sie zum Beispiel, dass die Stadt das Gutachten in Auftrag gegeben habe. Sie betonte „Die Stadt hat nur die Möglichkeit etwas zu tun, wenn etwas gesetzlich nicht eingehalten wird.“

Richtige Messungen am Alu-Dach nötig

Da nach Ideen gefragt wurde, was man noch tun könnte, regte Lehrer Jochen Schmid an, das Regenwasser zu untersuchen, nachdem blauer Dunst über der Stadt war. Ein anderer Anwesender wünschte sich, dass man jemand vom RP nach Stockach komme, um Rede und Antwort zu stehen – die Alu solle verpflichtet werden, an der richtigen Stelle zu messen.

Der Stockacher Frank Oßwald fand den Badewasser-Vergleich von Bösing sehr gut und warf schließlich noch ein: „Solange sich das Unternehmen hinter Mittelwerten verstecken kann, kommen wir auf keinen grünen Zweig.“

Unter diesen Dächern liegt die Salzschlacke, die beim Alu-Recycling entsteht. Bild: Ramona Löffler

Und Künstlerin Cornelia Pfitzer-Lorenz erzählte von ihren Erfahrungen als Anwohnerin in der Alemannenstraße. Sie schlug regelmäßige Demonstrationen vor, in die auch die Stockacher Schüler eingebunden werden sollen. Zudem sollte man Produkte als Alu vermeiden. Ein anderer Zuhörer regte eine Unterschriftensammlung an.

Da Kritik an der Stadt aufkam, erklärte Bösing wie viel Unterstützung die Initiative erhält und dass man immer ein offenes Ohr für sie habe. Das war die positive Note des Abends, ebenso wie die Erkenntnis dass viele dieselben Erfahrungen machen und nicht alleine sind.

Die Initiative bittet nun darum, Leute im eigenen Umfeld auf das Problem aufmerksam zu machen, gerne der Initiative hilfreiche Kontakte zu vermitteln und Erfahrungen mitzuteilen. Sie möchten einen Newsletter einrichten, in dem Interessierte Infos zum aktuellen Stand erhalten.

Comments

2 Antworten zu „Den Stockachern stinkt es und sie haben Angst: Was steckt im blauen Dunst der Alu Stockach?“

  1. Avatar von Thomas Grunwald
    Thomas Grunwald

    Liebe Frau Löffler, Liebe Leser,
    Es ist selten, dass heutzutage in den Medien das in einer Versammlung Gesagte so genau und unverfälscht wiedergegeben wird wie in diesem Artikel. Dafür vielen Dank.
    Danke auch an die drei Vortragenden, die offensichtlich mit viel Energie, Entschlossenheit und in weiten Teilen auch mit Fachwissen überzeugen konnten.
    Nun aber zu einigen Punkten, über die ich weniger glücklich bin. Als ich durch die regionale Presse von diesem Info-Abend erfuhr, bin ich als „Zugezogener“ neugierig geworden, sollte es doch allgemein um die Luftqualität in Stockach gehen. Das ist ein Thema das sicher jedem Bürger am Herzen liegt. So dachte ich.
    Schnell stellte sich allerdings heraus, dass es bei dieser Veranstaltung nur um eine Firma ging. Auch ich fahre fast täglich an der Stockacher Aluminiumfabrik vorbei und habe gelegentlich den Geruch von faulen Eiern erfahren. Aber mal ehrlich, fast jedes Industriegebiet hat die ein oder andere sub-optimale Eigenschaft. Deshalb gibt es diese Gebiete ja.
    Auch sehe ich, allerdings deutlich seltener als in der Info-Veranstaltung suggeriert, Wolkenbildung, die nicht nach natürlicher Wetterwolke aussieht. Was mich allerdings überrascht hat ist, wie einseitig, übertrieben und das ein oder andere Mal irreführend die empfundene Problematik dargestellt wurde. Man muss schon fast dankbar sein, dass die Journalistin ihrem Beitrag ein alltägliches Bild beigefügt hat, das nicht, wie all die gezeigten Bilder nur Rauch und „weisse Wolke – blaue Wolke“ zeigte.
    Ein positiver Einwurf: Die Systematik, mit der die preisgünstigen Partikelsensoren durch Korrelation mit der DEKRA-Messung ansatzweise validiert wurden, verdient Anerkennung.
    Dass aber während des medizinischen Vortrages alle möglichen Krankheiten erwähnt, und eine Firma damit in Verbindung gebracht wurde, hat sicher bei einigen Anwesenden Emotionen ausgelöst. Da hätte ich mir mehr Sachlichkeit gewünscht. Stockach scheint eine lange Verbundenheit mit der Eisen-, Stahl- und Aluminiumindustrie zu haben. Da dürfte es einem erfahrenen Arzt doch nicht schwerfallen, z.B. die örtliche Sterberate über viele Dekaden mit der anderer, ähnlich großer, Industriestädte zu vergleichen. Oder wurde dieser Vergleich gemacht, hat aber nicht die erhoffte Tendenz aufgezeigt?
    Hart an der Grenze der Wahrheit, oder vielleicht schon Unwahrheit, war aber der Vortrag des etwas älteren Referenten aus der Aluminium-Industrie. Anfangs war dieser Vortrag beeindruckend und suggerierte Fachkompetenz. Ich bin zwar selbst nicht vom Fach, habe aber einen technischen Hintergrund. Meine Recherche ergab dann sehr schnell, dass die Temperaturen beim Einschmelzen von Aluminium-Schrott heutzutage maximal 700 °C erreichen, weit weg von den 800 bis 900°C, die scheinbar ein Nährboden für Dioxine und Furane sein sollen. Aber vielleicht sollte mit diesem D-Wort bewusst die Angst geschürt werden? Da verrät dann die unsachliche Aussage: „Die Alu verwendet jeden Dreck …“ die Gesinnung des Redners.
    Eine Sache hatten alle Beitragenden an diesem Abend gemeinsam. Es wurde an Allen und Allem herumkritisiert, was am Abend nicht präsent war. Die DEKRA hätte ein schlechtes Gutachten gemacht, das Regierungspräsidium käme seiner Aufgabe nicht nach und die international geltenden Grenzwerte seien veraltet.
    Mir fehlte an diesem Abend die Sachlichkeit. Wurde die Firma, um die es ging, eingeladen? Oder vielleicht um ein konstruktives Gespräch gebeten? Ich fürchte, dass dem einen oder anderen der Protagonisten des Abends gar nicht daran gelegen ist.
    Schade, denn saubere Luft für Bürger, nicht nur in Stockach, ist ein erstrebenswertes Ziel. Aber bitte miteinander, nicht gegeneinander, wenn man wirklich eine Lösung anstrebt.

    1. Avatar von Dr. med. Tobias Bösing

      Sehr geehrter Herr Grunwald,

      vielen Dank für Ihre kritischen Einwände, die ich gerne aufnehme und erläutern möchte.

      Tatsächlich gibt es im Raum Stockach keine LUBW-Mess-Station. Es gibt überhaupt keine Messeinrichtung außer den Mess-Sensoren der privaten Initiative, die derzeit außer allgemeinen meteorologischen Daten vor allem die Feinstaubkonzentrationen in der Luft in Stockach und Umgebung messen, da die Messtechnik für alle anderen Luftqualitätsparameter sehr aufwendig und teuer ist.

      Wie wir zu Beginn der Veranstaltung, auch bildlich, dargestellt haben, ist die Luftqualität in Stockach und Umgebung ohne die episodenhaften Feinstaub-Belastungen sehr gut, fast auf aktuellem WHO-Empfehlungsniveau.

      Tatsächlich haben die Beobachtungen der Bevölkerung und unsere Messungen immer wieder konsistent und kongruent, für jeden nachvollziehbar, gezeigt, dass die Hauptbelastung vor allem durch ein Unternehmen entsteht, welches dies in beauftragten Stellungnahmen oder Presse-Artikel immer wieder abgestritten hat. Um ein Problem zu lösen, muss man es auch konkret benennen.

      Es liegt bei pulsatilen Emissionen auf der Hand, dass Sie auch Photos ohne Emissionswolken in Stockach machen können. Um zu belegen, dass sichtbare Emissionswolken mit gemessenen Feinstaub-Belastungen korrelieren, haben wir das mit Bild- und Videomaterial und den zeitlich korrelierenden Messdaten demonstriert. Die ruhende Produktion bei Sonnenschein zu zeigen, macht in diesem Kontext keinen Sinn.

      Bei der Erläuterung der gesundheitlichen Folgen von akuten und chronischen Feinstaub-Belastungen einschließlich der mit der Feinstaubkonzentration stetig steigenden Mortalität habe ich Ihnen die Daten großer Metaanalysen gezeigt. Die Übersicht aller eingehenden Studien finden Sie in den WHO Global Air Quality Guidelines, die ich Ihnen sehr ans Herz lege und unter

      https://iris.who.int/server/api/core/bitstreams/551b515e-2a32-4e1a-a58c-cdaecd395b19/content

      heruntergeladen und eingesehen werden können. Ganz besonders empfehle ich Ihnen

      Di et al., NEJM 2017, 10.1056/NEJMoa1702747, deren Daten ich Ihnen mit freundlicher Genehmigung des New England Journals of Medicine präsentieren durfte. Die hohe Qualität der Daten der WHO-Analysen erkennen Sie u.a. aus den engen Konfidenzintervallen.

      Ich habe bewusst keine Mortalitätsdaten einzelner Gemeinden genannt, da dies irreführend und unsachgemäß ist. Denn dann hätte ich sagen müssen, dass Stockach eine höhere Sterberate als die umliegenden Gemeinden wie Steisslingen hat. Dies beruht aber auf einer anderen Bevölkerungsstruktur in Stockach mit einem höheren Zuzug älterer Personen und nicht auf unterschiedlichen Feinstaubbelastungen.

      Um jedes Missverständnis im schwierigen Umgang mit Relativen Risiken zu vermeiden, habe ich daher das relative Risiko an absoluten Zahlen ohne konkreten Bezug dargestellt, wie es sich für eine anständige Risiko-Kommunikation gehört. Allerdings lassen sich die Daten der Meta-Analysen durchaus auf Stockach anwenden.

      Die Veranstaltung war für alle Interessierte offen, auch Mitarbeiter und Mitglieder der Unternehmensleitung, Stadtverwaltung etc. Der Termin wurde mehrfach öffentlich publiziert.

      Auch ein DEKRA-Gutachten darf einer kritischen Betrachtung unterzogen werden, insbesondere wenn es eine Entscheidungsgrundlage für nicht sachkundige Gemeinderatsmitglieder darstellen soll und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse nicht berücksichtig und dargestellt werden. Im Übrigen gab es einen ständigen Wechsel im DEKRA Team, wie Ihnen von Gemeinderatsmitgliedern am Veranstaltungsabend berichtet wurde.

      Auch der zuständige Geschäftsführer des Unternehmens hat mehrfach gewechselt, sodass es auch hier keinen konstanten Ansprechpartner gab.

      Im Übrigen, das haben wir in der Vergangenheit immer wieder auch in der Presse betont, sind wir für FÜR den Schutz der Gesundheit und Lebensqualität in Stockach und NICHT GEGEN Mitarbeiter des Unternehmens oder das Unternehmen Stockach Aluminium an sich.

      Wir haben der Bürgermeisterin Fr. Katter unsere konstruktive Teilnahme an einem Round Table mit der Unternehmensführung bereits zugesagt. Allerdings sind wir natürlich fachlich nicht qualifiziert, konkrete Empfehlungen für technische oder organisatorische Maßnahmen in dem Industrie-Unternehmen auszusprechen.

      Wir sehen aber die Notwendigkeit, den Schutz der Gesundheit durch Einhaltung von Feinstaubgrenzen immissions-seitig weiter zu überwachen und aufzuklären, insbesondere da dies behördlich im Augenblick nicht geschieht.

      Vielen Dank für Ihre kritischen Fragen und den Anstoß einer Diskussion, der wir uns gerne auch selbstkritisch stellen. Ich hoffe, es konnten einige Punkte geklärt werden. Für weitere Fragen oder Kritik stehen wir im Sinne der vollständigen Transparenz gerne zur Verfügung, fordern dies aber auch von den aufsichtführenden Behörden und der Unternehmensleitung der Stockach Aluminium GmbH.

      Sie erreichen uns unter: https://luftinfo-stockach.de/kontakt/

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